Die Zukunft der Pflege gestalten

Die Situation ist alarmierend

Die Situation der Pflege ist alarmierend. Bereits jetzt fehlen in der Alten- und Krankenpflege Pflegekräfte, um die hilfs- und pflegebedürftigen Menschen gut zu versorgen. In München herrscht ein akuter Mangel an Pflegekräften, auch in der Ausbildung sind die Zahlen der SchülerInnen zurückgegangen. 

Gleichzeitig steigt durch den demografischen Wandel die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von 2010 mit ca. 2,3 Millionen auf 3,4 Millionen im Jahr 2030.

Dies bedeutet nicht nur eine große gesellschaftspolitische Herausforderungen, um das Thema Alter neu zu gestalten (Arbeitsmarkt, Rente), sondern die Pflege auf tragfähigere Füße zu stellen, finanziell, ausbildungstechnisch und organisatorisch. 

Pflege braucht dringend bessere Rahmenbedingungen, um ihrem Auftrag gerecht zu werden. Für die Menschen, die Pflege bedürfen. Und für die MitarbeiterInnen in den Pflegeberufen.

 

Pflegeausbildung endlich reformieren!

Die Pflege hat in den letzten Jahren eine Entwicklung in die richtige Richtung gemacht, dennoch hinkt die Pflegeausbildung und der Status der Pflegeberufe im internationalen Vergleich hinter den europäischen und internationalen Standards hinterher.

Zwar ist die deutsche Krankenpflegeausbildung mittlerweile in den Ländern der EU anerkannt, in fast allen europäischen Ländern findet die Ausbildung an Fachhochschulen oder Universitäten statt, die Abschlüsse sind Bachelors oder Universitätsabschluss. Die Dauer der Ausbildung beträgt in der Regel 4 Jahre, in Deutschland 3 Jahre. Die Altenpflegeausbildung ist eine deutsche Spezialität, eine Anerkennung in der EU ist bisher nicht geklärt. Seit Jahren wird eine Reform der Pflegeausbildung gefordert.

Ziel einer solchen Reform muss es sein, die berufliche und rechtliche Eigenständigkeit durch klare Definition eigener Kernkompetenzen zu fördern. 

Ebenso müssen sich auch die Rahmenbedingungen ändern. Pflege wird nur dann ein Zukunftsberuf, wenn sie von den typischen Merkmalen sogenannter Frauenberufe wie z.B. schlechte Bezahlung, unflexible Arbeitszeiten, wenig Karrierechancen abgekoppelt wird. 

Pflege erfordert heute eine Interprofessionelle Teamarbeit, die Steuerung von Versorgungsprozessen (z.B. Case-Management), die Mitarbeit bei der Entwicklung innovativer Technologien und Assistenzsysteme, die Weiterentwicklung von Qualitätsmanagement und neuen Versorgungskonzepten, Prävention, Gesundheitsförderung, Rehabilitation, Beratung, Schulung, Anleitung.

Dazu wird eine neue Arbeitsteilung zwischen dem ärztlichen und pflegerischen Bereich notwendig. Bisher ärztliche Tätigkeiten müssen eigenverantwortlich von Pflegekräften geleistet werden können, dazu braucht es eine rechtliche Klärung. 

Um den Herausforderungen der Pflege in der Zukunft gerecht zu werden muss die Ausbildung aus einem integrativen System bestehen, d.h. die Zusammenführung der drei Pflegeberufe in eine Generalistische Ausbildung über einen Zeitraum von 1,5 bis 2 Jahren mit anschließender Spezialisierung in einem der drei Bereiche (Altenpflege, Kinderkrankenpflege, Krankenpflege).

Darüber hinaus müssen alle Bereiche der Pflegeausbildung in der Finanzierung vereinheitlicht werden. Derzeit wird die Krankenpflege aus Mitteln der Gesetzlichen Krankenversicherung, die Altenpflege aus Mitteln der Leistungserbringer, der Pflegeversicherung und der Länder finanziert. 

Ausbildungsvergütungen und Finanzierungsmodalitäten (Schulgeld in der Altenpflege) müssen vereinheitlicht werden. Neben den strukturellen Veränderungen, die die Pflege für die Zukunft braucht, um attraktiv, anerkannt und eigenständig zu sein braucht es bessere finanzielle Rahmenbedingungen. Die Anerkennung und der Wert misst sich auch an den Einkommensstrukturen. Wollen wir dass die Pflege der Zukunft kein Mangelberuf wird, müssen die dort Beschäftigten über höhere Einkommen verfügen.

 

Pflege braucht Mitsprache, Pflege muss gestärkt werden – Gestalten auf Augenhöhe

Die öffentlich-rechtliche Stellung der Pflegeberufe als größte Gruppe im Gesundheitswesen entspricht nicht ihrer tatsächlichen Bedeutung. Durch den demografischen Wandel werden Gesundheitsversorgung und Pflege immer stärker ineinander greifen. Die Pflegeberufe müssen gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit den „akademischen Heilberufen“ in die anstehenden gesundheits- und sozialpolitischen Entscheidungen eingebunden werden und entsprechend beteiligt sein. Es entstehen neue Berufsbilder rund um die Pflege, Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und sektorenübergreifende Behandlungspfade werden in Zukunft den Alltag in den Pflegeberufen prägen. Um diese Herausforderungen selbstbewusst angehen zu können, braucht die Pflege Wertschätzung und politische Vertretung.

In Bayern existieren Kammern für Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Psychologen und Psychotherapeuten. Eine Berufskammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die hoheitliche Aufgaben übernimmt. Kammergesetze werden auf Landesebene erlassen. Der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen, der Pflege, wird die politische Mitsprache per Kammer in Bayern bisher versagt. Dabei findet immer mehr Pflege in selbstständiger Tätigkeit statt. 

Die Diskussion um Pflegekammern ist in Deutschland nicht neu. Anlässlich des Pflegenotstandes hat sich in den 90er Jahren in Bayern bereits ein Bündnis für Pflegekammern gegründet. Auch in anderen Bundesländern ist die Einrichtung einer Pflegekammer ein Teil der politischen Diskussion. 

Die Bayerische Pflegekammer soll im Interesse ihrer Mitglieder diese Aufgaben übernehmen:

  • pflegerische Fachkompetenz bei gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen einbringen
  • Sicherstellung der Anerkennung der Pflege durch Selbstverwaltung und gleichberechtigter Partner in der Gesundheitsfürsorge
  • Ausübung der Berufsaufsicht: Erlass und Überprüfung einer Berufsordnung mit Sanktionsmöglichkeit
  • Regelung der Aus-, Fort- und Weiterbildung
  • Festlegen und Weiterentwickeln von fachlichen Leitlinien, Standards und Qualitätskriterien
  • Förderung von regionalen multiprofessionellen Versorgungskonzepten
  • Erstellen von Expertendokumenten
  • Regelung von Gutachertätigkeiten und Bestellung von Sachverständigen
  • Beratung der BürgerInnen im Sinne des Verbraucherschutzes
  • Transparenz und Mitwirkungsmöglichkeiten für die Mitglieder
  • Mitwirkung bei der Pflegebedarfsplanung

Es muss transparent gemacht werden, mit welchen Leistungen und Service-Angeboten die künftigen Mitglieder dieser Kammer rechnen können. Dabei ist von zentraler Bedeutung, dass nicht einfach ein Mehr an Kosten und Verpflichtungen auf die Angehörigen der Pflegeberufe zukommt, sondern echte Weiterentwicklung und Stärkung des Berufsbildes vorangebracht werden. Die ca. 100.000 Pflegekräfte in Bayern müssen einen direkten und spürbaren Nutzen erfahren, der ihre Mitgliedsbeiträge rechtfertigt. 

Niemand kann Pflege besser definieren und regulieren als die Pflege selbst. Die Pflegekammer ist ein Weg, Pflege politisch zu gestalten. 

 

Pflege mit und für MigrantInnen

Der Anteil der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund wird sich in den kommenden Jahren erhöhen. Im Jahr 2009 lebten 1,436 Millionen Menschen über 65 Jahre mit Migrationshintergrund in Deutschland. In München leben aktuell 46.600 Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 65 - 79 Jahren (24,9 %) und 10.594 im Alter von 80 Jahren und älter (17,8 %). Ein Anstieg dieser Zahlen ist vorauszusehen. Im städtischen Klinikum betrug der Anteil der Nichtdeutschen PatientInnen 2011 rund 14.700 Personen aus 151 Nationalitäten. 

In der STKM gibt es türkischsprachige Knie- und Hüftsprechstunde und es existiert eine türkischsprachige SHG für Diabetiker, Dolmetscherdienste in 35 Sprachen stehen zur Verfügung. Für eine umfassende Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund in der Pflege brauchen wir auch den Einsatz von MigrantInnen in der Pflege. 

Derzeit arbeiten viele MigrantInnen in der Pflege, meist in prekären Arbeitssituationen zu Dumpinglöhnen. Hier müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen insbesondere für die häusliche Pflege auf den Prüfstand gestellt werden, um Ausbeutungsverhältnissen einen Riegel vorzuschieben. Dazu gehören Fragen der Arbeitszeit, Qualitätsstandards und Kontrollen und natürlich die Sicherung vor Lohndumping durch den Mindestlohn in der Pflege. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, aber auch der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen in den Kliniken und den Einrichtungen der Altenpflege mit Migrationshintergrund befinden, müssen wir MigrantInnen als Pflegekräfte gewinnen. Dazu brauchen wir endlich die Anerkennung für im Ausland erworbene Berufsabschlüsse. Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben in anderen Ländern Abschlüsse und Qualifikationen im Pflege- und Therapiebereich, können sie aber auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht einsetzen. Es gibt nur sehr uneinheitliche Verfahren, die je nach Anerkennungsinstitution und Bundesland zu unterschiedlichen Bewertungen von Abschlüssen führen und die Anerkennung erschweren. Die Anerkennung muss aber auch je nach Abschluss die Bereitstellung von Qualifikationen beinhalten. 

 

Selbstbestimmte bzw. selbstorganisierte Pflege

Es ist unstrittig, dass nicht nur immer mehr junge Menschen mit Behinderungen ambulant versorgt werden wollen, sondern auch immer mehr ältere Menschen wollen so lange es möglich ist in den eigenen vier Wänden bleiben. 

Hinzu kommt, dass dieser Personenkreis, zumindest in München, immer weniger auf Unterstützung im eigenen Umfeld zurückgreifen kann. Um diesen Herausforderungen und Bedürfnissen gerecht zu werden ist es nötig, sich über Alternativen und zusätzliche Angebote, neben dem klassischen ambulanten Diensten, Gedanken zu machen. 

Ambulante Dienste sind eher darauf ausgerichtet, Leistungen nach SGB XI zu erbringen, viele Menschen benötigen jedoch auch Hilfen außerhalb dieser Leistung. Der klassische ambulante Dienst ist zumeist wenig flexibel und meist auf Dienstleistungen in der eigenen Häuslichkeit beschränkt. Es muss Modelle und Angebote neben dem klassischen ambulanten Diensten geben. Dies ist auch deshalb nötig, weil immer mehr pflegebedürftige Menschen nicht mehr bereit sind, sich ausschließlich den Organisationsstrukturen der Dienste zu unterwerfen. In der Stadt München gibt es schon einige Ansätze hierfür, die in den nächsten Jahren weiter gefördert und ausgebaut werden müssen. 

 

Das Arbeitgebermodell:

Seit Mitte der achtziger Jahre praktizieren Menschen mit Behinderungen das sogenannte Arbeitgebermodell zur Organisierung ihrer pflegerischen und praktischen Hilfen, die sie aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen benötigen.

Die betreffenden Menschen leben außerhalb von Einrichtungen in einer eigenen Wohnung. Er/Sie ist ArbeitgeberIn, ihr Bedarf an personellen Hilfen setzt sich in der Regel aus folgenden Komponenten zusammen:

  • Hilfen bei der Pflege
  • Hilfen bei der Führung des Haushalts
  • Hilfen bei der Mobilität im und außer Haus
  • Hilfen zur Ausübung beruflicher oder ehrenamtlicher Aktivitäten
  • Hilfen zur Ausübung freizeitlicher Aktivitäten.

Die Erfahrungen zeigen, dass im Arbeitgebermodell tendenziell langfristige Arbeitsverhältnisse entstehen und sich dadurch die spezielle Eignung der persönlichen Assistenten zusätzlich erhöht.

Neben der inhaltlichen Anleitungs-Funktion, nehmen die behinderten ArbeitgeberInnen auch alle formalen ArbeitgeberInnen-Aufgaben war, wie z.B. Abschluss der Arbeitsverträge, Personalführung, Personal-Abrechnung, sowie die Nachweisführung gegenüber dem Kostenträger.

Das Arbeitgebermodell zeichnet sich somit dadurch aus, dass der auf Assistenz angewiesene Mensch selbst über folgendes bestimmen kann bzw. folgende Kompetenzen inne hat:

  • Wer die erforderlichen Hilfen (Assistenz) erbringt   = Personal-Kompetenz
  • Welche Hilfen in welcher Form erbracht werden     = Anleitungs-Kompetenz
  • Wann und wo die Hilfen erbracht werden               = Organisations-Kompetenz
  • Abrechnung und Auszahlung der Assistenten         = Finanz-Kompetenz

EmpfängerInnen von Leistungen nach dem SGB XI sollten bei legalen Arbeitsverhältnissen daher einen Anspruch auf Sachleistung haben.

 

Alten- und Servicezentren, Wohnen im Viertel, Wohnen im Quartier, Nachbarschaftstreff/ -hilfe:

Es gibt ein gutes Netz an Alten- und Servicezentren (ASZ) in München, dieses Netz sollte man noch stärker nutzen. Hier ist eine noch stärkere Öffnung auch für jüngere Menschen mit Behinderungen notwendig, gerade für jene, die im Laufe ihres Lebens ihre Behinderung erwerben (ca. 90%). Wir müssen auch darüber nachdenken, ob nicht eine stärkere „Gehstruktur“ der ASZ sinnvoll/nötig ist. Auch über die leistbaren / zu leistenden Angebote lohnt es sich, nachzudenken. Der Ausbau und die Förderung von quartiersbezogen Hilfesystemen (ASZ, Wohnen im Viertel, Wohnen im Quartier, Nachbarschaftstreff/-hilfe) ist daher notwendig.

 

Selbstbestimmte Pflege neu denken

Wir sind der festen Überzeugung, dass wir das Thema Pflege, Hilfe, Assistenz in einem viel größeren Rahmen in Zukunft denken müssen. Das Thema muss natürlich bei den seniorenpolitischen Konzepten mitgedacht werden. Wir müssen es aber auch bei den städtebaulichen Entwicklungen, der Infrastrukturentwicklung, beim ÖPNV, usw. mitdenken, damit dies geschieht, muss die Politik und Verwaltung vor Ort für die (ambulante) Pflege verantwortlich sein.

 

Wie wollen wir im Alter leben?

Nur eine solidarische Gesellschaft wird für die zunehmende Zahl der alten Menschen eine menschenwürdige Pflege organisieren und finanzieren. Die Frage, wie viel Geld in die Pflege investiert wird, berührt entscheidend die Frage wie wir mit alten Menschen umgehen wollen. Obwohl wir alle alt und viele von uns pflegebedürftig sein werden im Alter, ist die Bundesrepublik von einem ausreichend finanzierten Pflegesystem, das allen die Wahlmöglichkeit lässt, wie und wo sie von wem gepflegt werden möchten, weit entfernt.

Wir Grüne haben hier u. a. folgende Ziele:

·         Eine menschenwürdige Pflege mit einem ausreichenden Pflegeschlüssel muss sichergestellt sein

·         Es gilt ambulant vor stationär. Dies bedeutet, dass alte Menschen solange es möglich ist in ihrer eigenen Wohnung bleiben, bei Bedarf in eine alternative Wohnform umziehen oder in ein Altenheim.

·         Pflegekräfte benötigen nicht nur eine ausreichende Bezahlung, sondern vor allem die Wertschätzung der Gesellschaft für ihre Tätigkeit.

·         Eine ausreichende Kontrolle der Qualität der ambulanten Dienste, der alternativen Wohnformen und der Alten- und Pflegeheime ist sicherzustellen – Qualität in der Pflege wird aber in der Regel nicht „hineinkontrolliert“ werden können sondern ist vor allem von dauernden Qualitätsprozessen abhängig.

 

Pflege zu Hause

Auch wenn die öffentliche Diskussion es kaum wahrnimmt: Ungefähr 90% der Altenpflege wird zu Hause von Angehörigen – in der Regel Frauen - mit und ohne Unterstützung eines Pflegedienstes wahrgenommen. Um diese Pflege zu Hause, die für die Gesellschaft unabdingbar ist, aufrecht zu erhalten, benötigen pflegende Angehörige Unterstützung. Deutlich mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätze müssen geschaffen werden. Auch nach der letzten „Pflegereform“ sind die Pflegesätze für Pflegebedürftige zu Hause bzw. in der ambulanten Pflege deutlich niedriger als im Heim, obwohl viele Kosten ähnlich anfallen. Hier ist eine deutliche Erhöhung der Pflegesätze für ambulante Pflege nötig. Die Grünen in München haben vielfache Initiativen unternommen, um die pflegenden Angehörigen zu stärken.

 

Pflege in alternativen Wohnformen

2004 hat die grüne Stadtratsfraktion durchgesetzt, dass die Hälfte aller Pflegeplätze im vollstationären Bereich, die nach der demografischen Entwicklung in München in den nächsten Jahren noch benötigt werden, in alternativen Wohn- und Versorgungsformen entstehen sollen. Dies bedeutet, dass von den 1000 prognostizierten zusätzlichen vollstationären Plätzen bis 2020 die Hälfte in alternativen Wohnformen entstehen sollen. 

Aufgrund dieses Beschlusses wurde ein Förderprogramm aufgelegt, um den Aufbau alternativer Wohnformen in München zu beschleunigen. Die Umsetzung für München ist schwierig, da große, behindertengerechte Wohnungen, die für den Aufbau von Wohngemeinschaften dezentral im Stadtviertel benötigt werden, teuer und selten sind. Aus diesem Grund wurden die städtischen Wohnungsbaugesellschaften beauftragt, in Neubauten Wohnraum für Wohngemeinschaften zu berücksichtigen. 

In den letzten Jahren sind ca. 170 Plätze in WGs entstanden, weitere 70 sind in Planung. Weiter erschwert wird der Aufbau alternativer Wohnformen derzeit durch feuerpolizeiliche Auflagen, die Wohngemeinschaften ab sieben Personen feuerpolizeilich wie eine stationäre Einrichtung behandeln. 

Ziel grüner Politik ist es durch eine münchenweite, dezentrale Versorgungsstruktur mit alternativen Wohnformen, eine wohnortnahe Alternative zum Heim anbieten zu können. Für Pflegekräfte sind Wohngemeinschaften eine attraktive Arbeitsmöglichkeit im Vergleich zum Pflegebetrieb in vollstationären Pflegeheimen: Die stärkere Nähe zu den BewohnerInnen und der deutlich stärkere Wohncharakter führt in gut organisierten Wohngemeinschaften dazu, dass die Fluktuation bei den Pflegekräften deutlich zurückgeht.

 

Pflege in Alten- und Pflegeheimen

Die Pflegeskandale des letzten Jahrzehnts haben der Öffentlichkeit deutlich gezeigt, was in vielen Alten- und Pflegeheimen geschieht: Zu wenig und oftmals schlecht bezahltes Personal muss sich um zu viele BewohnerInnen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen kümmern. Als Konsequenz hat München die stärkste Heimaufsicht Deutschlands aufgebaut, deren Ziel aber nicht nur die unangemeldete Kontrolle, sondern die Verbesserung der Situation in vielen Häusern durch fachliche Beratung und Intervention ist. 

Durch hohe freiwillige Leistungen an alle Träger von Alten- und Pflegeheimen in den Bereichen:

·         Heiminterne Tagesbetreuung für Demenzkranke

·         Überleitungsfachkräfte beim Wechsel in die Klinik oder zurück

·         Verbesserung der Sterbebegleitung 

·         Fortbildungen im Umgang mit Dekubit etc.

gelang es, die Pflegequalität in vielen Häusern zu erhöhen.

Die Stadt München ist über die 100%ige städtische Tochter MünchenStift gGmbH Trägerin von ca. einem Drittel der stationären Pflegeplätze in München. Dies gab und gibt die Möglichkeit eigene Vorstellungen von Qualitätsstandards in den Häusern umzusetzen. Dies wurde in der MünchenStift auch konsequent versucht. So wurden – und werden – alle Häuser auf modernsten Pflegestandard saniert oder neu gebaut. Die großen Stationen wurden in kleinere Wohnbereiche von 12 – 16 BewohnerInnen unterteilt. Neue Lebensweltkonzepte versuchen einen neuen Zugang zu demenzkranken BewohnerInnen. Sämtliche Berichte der Heimaufsicht werden veröffentlicht. Um dem Pflegenotstand wo es geht entgegenzutreten, bildet die MünchenStift in großer Zahl aus. So hat die MünchenStift im Schnitt 220 Auszubildende im Haus bei ca. 1500 Angestellten – ohne dass dies in den Pflegesatzverhandlungen berücksichtigt werden würde. 

 

Das Kernproblem der Altenpflege: Pflegekräfte gewinnen – und behalten.

Die Pflegeskandale der letzten Jahre haben zwar einerseits die Situation vieler BewohnerInnen verbessert – aber gleichzeitig den Beruf des/der AltenpflegerIn deutlich unattraktiver werden lassen. Wer will schon in erschütternden Skandalzusammenhängen arbeiten? Aber auch „traditionell“ gibt es in der stationären Altenpflege eine große Fluktuation: Ca. 80% der Pflegekräfte wechseln nach ca. 5 Jahren in einen anderen Bereich. Dies ist ein Alarmsignal und bedeutet, dass Pflegekräfte nur zu halten sind, wenn die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden. Hierzu gehört zum einen eine ausreichende Bezahlung – zum anderen aber Arbeitsbedingungen, die gute Pflege und damit auch Zufriedenheit in der Arbeit erlauben.

 

Kultursensible Pflege

In der Altenpflege arbeiten zwar seit Jahrzehnten viele MigrantInnen – aber als BewohnerInnen in Alten- und Pflegeheimen (aber auch in alternativen Wohnformen) finden sich fast keine MigrantInnen. Dies obwohl die Gruppe der alten und hochbetagten MigrantInnen die am stärksten wachsende Gruppe in München darstellt. Hinzu kommt, dass die traditionelle Großfamilie in einer modernen Großstadt zunehmend seltener vorkommt. Dennoch versuchen viele Migrantenfamilien die Pflege unter oftmals schwierigsten Verhältnissen zu Hause zu organisieren, da ihr kultureller Hintergrund eine Abgabe des alten Menschen in ein Heim nicht erlaubt. Gleichzeitig werden ambulante Unterstützungsangebote selten wahrgenommen, weil sie als eigenes Versagen gesehen werden – oder schlichtweg nicht bekannt sind.

Hinzu kommt, dass die Altenheime auch nicht interkulturell geöffnet und auf die anderen Lebens- und Essgewohnheiten von Migranten nicht eingestellt sind. Gleichzeitig sind viele Häuser auch nicht in der Lage, kultursensible Pflege anzubieten, die den kulturellen Hintergrund vieler alter Migranten berücksichtigen würde. Hier ist ein drängendes Problem der Alten- und Migrationsarbeit, das bisher kaum gelöst ist. München bemüht sich aufgrund grüner Initiativen intensiv darum, die Altenhilfe (ambulant und stationär) interkulturell zu öffnen – steht hier aber in vielen Bereichen erst am Anfang.

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Dienstag, 27. September 2016
https://www.gruene-muenchen.de/themen/dokument/die-zukunft-der-pflege-gestalten/